|
„Wenn man, wie ich, vor fünfzig Jahren in der Kasseler Altstadt geboren wurde, dazu noch als Stammhalter in der fünften Generation einer alten Optikerfamilie, dann darf man sich wohl mit Fug und Recht als Kasseläner Schlacke bezeichnen. (…) Für mich lebt das untergegangene Kassel in den Stichen, Bildern, Skulpturen und auch in den kleinen Dingen weiter, die erhalten geblieben sind.“ (H.W. Hess im Katalog Stadtmuseum, 1982)
Dr. Hans-Wilhelm Hess zählt zu den bedeutendsten privaten Kunstsammlern Kassels. Beginnend mit seinem ersten Sammlungsstück – einer Kasselansicht von Matthäus Merian – hat er über Jahrzehnte kenntnisreich und zielgerichtet eine Kollektion zusammengetragen, die in ihrer Geschlossenheit eine „Kleine Kunst- und Kulturgeschichte Kassels“ darstellt. Sie beinhaltet zahlreiche Gemälde, Gouachen, Grafiken, historische Fotografien, Lichtdrucke, bibliografische Raritäten, Handzeichnungen, Kleinplastiken und Dokumente Kasseler Künstler sowie viele kunsthandwerkliche und alltagsgeschichtliche Zeugnisse vom 17. bis 20. Jahrhundert. In Gänze gesehen bildet die Sammlung ein Lebenswerk und stellt eine Hommage des Sammlers an seine Heimatstadt dar. Hans-Wilhelm Hess kam es nach eigener Aussage bei seinem Sammeln immer wieder darauf an, die Verbindungen zwischen Kunst, Gesellschafts- und Stadtgeschichte deutlich zu machen. Eine Zerteilung der Sammlung auf verschiedene Träger entspricht folglich nicht den Wünschen des Sammlers (ähnlich bspw. auch Sammlung Fritz Lometsch/Kassel oder soeben aktuell „Harald-Szeemann-Archiv“).
In diesem Sinne wurde die „Sammlung Hess“ der breiten Öffentlichkeit erstmals 1982 von dem Stadtmuseum Kassel in einer großen Sonderausstellung präsentiert und durch einen Katalog weitgehend dokumentiert. Auf bemerkenswerte Weise traten hierbei vor allem auch vielfältige Querverbindungen zwischen den Künstlern, ihrem Wirkungsort Kassel und ihren Sujet hervor, bspw. hinsichtlich des Verhältnisses von (Akademie-) Lehrern und Schülern. Gemeinsames Ziel von Sammler und Museum war es seither, die „Sammlung Hess“ in ihrer Geschlossenheit einmal dem Stadtmuseum zuführen zu wollen.
Besonderheiten
Zu den Spitzen der Sammlung, die als einmalige Zeugnisse Kasseler Stadtgeschichte gelten können, zählen neben vielem anderen eine in Öl ausgeführte großformatige Allegorie und ein Porträt Kurfürst Wilhelm I. von Hessen-Kassel von Wilhelm Böttner (1752-1805), Radierungen, Kupferstiche und Zeichnungen von Johann Heinrich Tischbein d.J., Johann Samuel Nahl d.J., der um 1760 Rembrandts „Jakobsegen“ in Sepia kopierte, oder auch eine bronzene Statuette des „Herkules Farnese“ von Werner Henschel (1782-1850), Gründer der Henschelwerke und Schöpfer der vor dem Schlösschen Schönfeld zu bewundernden Brunnen-Gruppe „Hermann und Dorothea“.
Neben diesen weithin berühmten Namen aus der Kasseler Kunstgeschichte stellen gerade für das Stadtmuseum zahlreiche, seltene und besonders beeindruckende Ansichten der Stadt Kassel vor ihrer Zerstörung einen besonderen Schatz dar.
Dazu gehört das zauberhafte, 1844 von Louis Hallo in Öl auf Zink gemalte „Hessen-Kassel“ vom Eichswald aus oder auch der quirlige „Markttag auf dem Königsplatz“ im Jahr 1925 von Fritz Bender (1899-1962) Was die Sammlung Hess darüber hinaus auszeichnet, sind beeindruckende Werke aus den 1920er und 1930er Jahren, die ein vergessenes Kapitel der Kasseler „Avantgarde“ zwischen den beiden Weltkriegen beleuchten, welche längst schon mit einer umfassenden Dokumentation gewürdigt werden sollte. Einen ebenso ironischen wie herzlichen Schlussakzent bildet eine dem Sammler Hess gewidmete Collage des mit der „documenta-Stadt“ Kassel eng verbundenen Künstlers Joseph Beuys (1921-1986) aus dem Jahr 1971.
Mit Unterstützung des Stadtmuseums wird derzeit ein kommentiertes Gesamtverzeichnis der Sammlung erstellt.
Das Projekt – Ankauf für das Stadtmuseum
Im Frühjahr 2009 hat Herr Dr. Hess aus Altersgründen seine komplette Sammlung, darunter allein ca. 50 Gemälde und Gouachen und mehr als 400 Grafiken und Handzeichnungen namhafter Kasseler Künstler, dem Oberbürgermeister der Stadt Kassel für das Stadtmuseum zu einem Preis von 50.000 Euro angeboten. Anlass für das Stadtmuseum, am 24. August d.J. im Rotary-Kulturausschuss für eine Unterstützung des Ankaufs zu werben, was binnen kurzem eine ebenso erfreuliche wie erstaunliche Wirkung zeitigen sollte! Nach einstimmigem Beschluss des Kulturausschusses, den „Ankauf Hess“ mittels Initialzündung - unter der Bedingung entsprechender Zustiftungen - in Gang setzen zu wollen, gelang es anlässlich der „Museumsnacht“ Herrn Reinier Zwitserloot, Vorstandsvorsitzender der Wintershall für eine Spende in Höhe von 15.000 Euro an die Freunde des Stadtmuseums zu gewinnen. Darüber hinaus sind inzwischen weitere 15.000 Euro aus Stiftungsmitteln eingeworben worden, so dass die Gesamtfinanzierung wie von Rotary gewünscht, bereits zum Jahresende 2009 als gewährleistet betrachtet werden kann!
Für 2010 ist eine kleine Presskonferenz mit allen Stiftern und eine Präsentation der Sammlung geplant. Im Vorgriff darauf allen rotarischen Freunden für Ihren entschiedene Unterstützung Respekt und einen ganz herzlichen Dank!
Dr. Cornelia Dörr
Leiterin des Stadtmuseums Kassel
|